Ebels Entdeckungen

Okt. 12 2011

Von der beispiellosen materiellen und geistigen Verelendung des Staates

“Der moderne Staat befindet sich in einer beispiellosen materiellen und geistigen Verelendung. Unter Schulden zusammenbrechend, von wirtschaftlichen und politischen Kämpfen zerrissen, aller moralischen Autorität bar geworden, kaum noch die reale Autorität aufrecht erhaltend, so hat er in immer neuen Nöten um seine Existenz zu ringen. Woher soll er die Kraft nehmen, sich bei dem allem zum wahren Kulturstaat zu entwickeln?

Welche Krisen und Katastrophen dem modernen Staat noch bestimmt sind, läßt sich nicht absehen. Seine Stellung ist insbesondere noch dadurch gefährdet, daß er die Grenzen seiner natürlichen Wirksamkeit bei weitem überschritten hat. Er ist ein außerordentlich komplizierter, in alle Verhältnisse eingreifender, alles regulieren wollender und darum in jeder Hinsicht unzweckmäßig funktionierender Organismus geworden. Das wirtschaftliche Leben will er in derselben Weise beherrschen wie das geistige. Um sich in so ausgedehnter Weise zu betätigen, arbeitet er mit einem Apparat, der an sich schon eine Gefahr bedeutet.

Irgendwann und irgendwie muß der moderne Staat einmal aus der Finanznot herauskommen und seine Betätigung auf ein normales Maß zurückbringen. Auf welche Weise er aber jemals wieder in einen natürlichen und gesunden Zustand zurückkehren kann, bleibt noch ein Rätsel.”

(Albert Schweitzer in seiner Kulturphilosophie, ausgearbeitet 1914-1917, erschienen 1923)

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